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KIM LOST-WAR
Such a lonely little girl in a cold, cold world
Falco, Jeanny (1985)
HF1G423, eine nüchterne Folge von Nummern und Buchstaben, Ministerio de
Justicia, HABANA und MURDER. Darüber ein ordinär geöffneter
weiblicher Mund, mit entspannter Zunge an den Zähnen, in seiner Weichheit erotisch und
doch merkwürdig leblos. Am rechten Bildrand sieht man das Gesicht einer jungen Frau in
unterschiedlichen Nahaufnahmen, zerstückelt und übermalt, die dunklen Locken, das
unbestimmt gerichtete Auge, und wieder den geöffneten Mund, rot bemalt wie der eines billigen
Flittchens. Die kreisförmig arrangierten Bildfragmente scheinen sich gegen den Uhrzeigersinn
zu drehen, sie treiben den Blick des Betrachters vor sich her. Sein Auge springt ruhelos vom Mund
zu Nase, vom Mund zum Auge und wieder zurück und setzt die einzelnen Teile wie ein Projektor
zu einer Bildabfolge zusammen. Man fühlt sich an den schnellen Schnitt eines Psychothrillers
erinnert, in dem sich die Spannung verdichtet und das Auge voller Schrecken auf etwas Unglaubliches
schaut, das Gleiche blitzartig immer wieder neu fokussiert und zu fassen versucht. Ein ähnliches
Prinzip der Wiederholung findet sich in der linken Hälfte des 100 x 100cm großen Bildes.
Am unteren Bildrand erblickt der Betrachter aus größerer Entfernung und in direkter
Aufsicht zwei aufreizend pink-weiß schillernde Stöckelschuhe. Achtlos scheinen sie im
nassen Gras liegen geblieben zu sein, und wie um ihre eigentliche Wichtigkeit zu bekräftigen,
finden wir sie noch einmal weiter rechts oben im Bild.
Die Schuhe im nassen Gras suggerieren einen unerwarteten und beunruhigenden Fund am Morgen, ein
Überbleibsel der vergangenen Nacht, das eine diffuse Bedrohung ans Tageslicht bringt. Eine
ähnliche Situation finden wir am Beginn von David Lynchs Film "Blue Velvet" (1986), als
Jeffrey Beaumont ein abgeschnittene Ohr im Gras findet und daraufhin immer weiter in eine verrückte
und nie ganz durchschaubare Geschichte von brutaler Gewalt und sexueller Perversion hineingezogen wird.
Natürlich fragt man sich auch in Reins Bild, wo die Besitzerin der schillernden Pumps geblieben ist,
ob sie in der Nacht barfuß nach Hause gegangen ist und wenn ja, warum sie ihre Schuhe dann nicht
mitgenommen hat. Die Vorstellung, die Frau sitze einige Schritte weiter im Gras und ruhe sich aus, wird
dem Betrachter wohl kaum in den Sinn kommen. Die im Bild mehrfach wiederholten Textfragmente
Ministerio de Jusitcia/TRIB. PROV. POP./CIUDAD de la HABANA/MURDER/ R.M.T. TON. 4,/TARA 1.600 KS
enthalten Schlagworte, die einem polizeilichen Observierungsprotokolls entnommen sein könnten. Schon
ist man einem Gewaltverbrechen auf der Spur und findet sich unvermittelt in der Rolle Jeffreys wieder,
der fasziniert vom Zwielicht der Unterwelt zum Detektiv wird.
"KIM LOST-WAR" nimmt ein klassisches Thema der Kunst-, Musik- und Literaturgeschichte auf:
Liebe und Tod. Eines der bekanntesten Beispiele aus dem musikalischen Bereich ist Franz Schuberts
(1797-1828) Streichquartett "Der Tod und das Mädchen" (1824-1826), in dem der Tod zum
werbenden Liebhaber wird:
Gib deine Hand, du schön und zart Gebild!/Bin Freund und komme nicht zu strafen./Sei guten Muts!
Ich bin nicht wild,/Sollst sanft in meinen Armen schlafen! Auch in der gegenwärtigen Pop-Musik
klingt das Thema des fatalen Liebhabers vereinzelt an. Der rote Mund steht dabei, wie so oft, für
die erotische Verführungskraft der Frau. So vereinen sich in Kylie Minogues und Nick Caves
"They Call Me The Wild Rose" (2002) Mörder und Opfer zu einem Duett voll
verführerischer und morbider Schönheit. Hier ist es der rote Mund der unschuldigen Eliza Day,
der die Leidenschaft eines Psychopaten entfacht. Seine Liebe zu ihr beweist er in einem beklemmend
romantisch inszenierten Tötungsakt am Ufer eines Flusses.
Eine besonders gut mit "KIM LOST-WAR" vergleichbarer Song ist Falcos "Jeanny!"
(1985), das im Jahr 1986 die obersten Plätze der Hitlisten eroberte und dabei äußerst
umstritten war, sah man ihn doch als verharmlosende Ästhetisierung eines Sexualmordes. Auch hier
ist es der rote Mund, der zu Anfang die Aufmerksamkeit des Mannes erregt:
Dein Lippenstift ist verwischt/Du hast ihn gekauft und/Und ich habe es gesehen/Zuviel Rot auf deinen
Lippen/Und du hast gesagt "mach mich nicht an"/Aber du warst durchschaut (…). Bereits an
dieser Stelle wird die verzerrte Wahrnehmung des Täters offenbar, der die deutliche Ablehnung der
Frau als Täuschungsmanöver interpretiert. Im Weiteren fragt man sich misstrauisch: Warum ist
Jeanny nun doch mit dem Mann zusammen? Warum bleibt sie in der Einsamkeit des abendlichen Waldes am Boden
liegen? Und wo ist ihr Schuh?
Jeanny, komm, come on
Steh auf - bitte, du wirst ganz naß
Schon spät, komm - wir müssen weg hier,
raus aus dem Wald, verstehst du nicht?
Wo ist dein Schuh, du hast ihn verloren,
als ich dir den Weg zeigen mußte
Wer hat verloren? Du dich?
Ich mich? Oder, oder wir uns?
Am Ende des Liedes wird ein Newsflash eingeblendet, der vom dramatischen Anstieg vermisster
Personen berichtet. Bei der zuletzt vermissten Person handele es sich nach Abgaben der Polizei um ein
neunzehnjähriges Mädchen, das vermutlich einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Obwohl der
Name nicht genannt wird, gehen wir durch den vorhergehenden Kontext davon aus, dass sie mit Jeanny
identisch sein muss. Unsere Ahnung, dass ein Verbrechen geschehen ist, glauben wir durch die Meldung
des Nachrichtensprechers bestätigt: "JEANNY LOST". Bei alledem, ähnlich wie in Reins
Bild, erlangen wir jedoch nie letzte Gewissheit. Das Bild unserer Vorstellung verfestigt sich lediglich
durch eine gewisse Schlüssigkeit der suggestiven Reize.
Die hochemotionale Verbindung von "Sex & Crime", eingefügt in das nüchterne
Protokoll aktueller Berichterstattung, kennt man aus allen Nachrichtenmedien, die täglich um die
Aufmerksamkeit ihrer Konsumenten werben müssen: seien es die reißerischen Schlagzeilen der
Boulevardpresse, der schillernden Hochglanzmagazine oder der Nachrichtenmagazine privater Fernsehsender
und Internetanbieter. Ein beliebtes Mittel der Spannungserzeugung in Nachrichtenfernsehen sind dabei die
Breaking News, die sich als Eilmeldungen in unaufschiebbarer Brisanz über die laufende
Berichterstattung schieben. Sie befriedigen die Sensationslust des Zuschauers und verfügen deshalb
über einen großen Unterhaltungswert. Außerdem erregen sie den Eindruck, stets zeitnah
über alle wichtigen Entwicklungen in der Welt informiert zu sein. Diese Konkurrenz unterschiedlicher
Nachrichtenstränge, eigentlich charakteristisch für die Informationsstruktur des Internets,
begünstigt jedoch eher die Zerstreuung des Zuschauers, denn seine nachhaltige Aufklärung.
Reins Arbeiten haben viel mit der Bildsprache von Film im Allgemeinen und jener von Nachrichtensendern
im Speziellen gemein. In seinen "Stripe Series", die er seit 2002 schafft und zu denen auch
"KIM LOST-WAR" gehört, analysiert der Künstler die Farbensprache von Fernsehsendungen
und transformiert sie als Farbeindrücke in Malerei. So zitiert der rote Streifen, der sich bei
"KIM LOST-WAR" im Bild oben befindet, die Aufmachung der
Breaking News im Nachrichtensender CNN (Cable News Network). Diese werden ebenfalls
im roten Balken am Bildschirm eingeblendet. Darüber hinaus verarbeitete der Künstler vom
Bildschirm abfotografierte Standbilder selbst gedrehter Filmsequenzen, die er bei seinen Reisen um die
ganze Welt gewinnt. So kommen die Stöckelschuhe aus der Anfangssequenz seines Kurzfilms
"Stripe Series 2006", in dem Aufnahmen von Menschen unterschiedlichster Orte - u.a. Ibiza,
Kuba, Valencia, Brüssel - in vier horizontalen, parallel verlaufenden Streifen gegeneinander gesetzt
und mit Originalton unterlegt wurden.
Rein löst die einzelnen Bilder des Zelluloidstreifens aus ihrem Zusammenhang, zerstückelt sie und montiert sie in seiner Malerei wieder zu einem Bildganzen. Im Grunde genommen übernimmt er damit die Vorgehensweise eines Cutters am Schneidetisch. Während dieser jedoch die Filmstreifen des Rohmaterials für den fertigen Film zerteilt und in ein bewusst gestalteten Nacheinander bringt, bricht Rein diese zeitliche Abfolge wieder auf und verdichtet die ihr zugrunde liegende Bildabfolge zur Gleichzeitigkeit eines Einzelbildes. Der Betrachter wiederum löst diese Gleichzeitigkeit durch die Abfolge seines Rezeptionsvorgangs wieder in Bewegungsabfolgen und assoziative Erzählstränge auf. Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Strategie der Verdopplung, die vor allem in schnell geschnittenen Filmen eine wichtige Rolle spielt und dem überreizten Betrachter eine bestimmte Botschaft einhämmern soll. Motive wie der rot geschminkte Mund oder die hochhakigen Schuhe werden so mit Bedeutung aufgeladen.
Auch in "KIM LOST-WAR" fällt es dem Betrachter schwer, die Komplexität des Bildes zu bewältigen. Dies liegt nicht nur an der zerstückelten Anordnung der fotografischen Motive, sondern auch an der hohen Differenziertheit der Farbflächen. Rein legt verschiedene Malschichten übereinander, die sich teilweise überlappen, transparent das darunter Liegende durchschimmern lassen, aufplatzen, auseinander perlen und sich wieder vermischen. Bereits bei der Grundierung werden Acryl- und Ölfarbe gemischt, die sich mal verbinden, mal trennen und damit den Eindruck des Aufplatzens zustande kommen lassen. Darüber legen sich Skizzen und Collagen von gefundenen Materialien sowie Textzeilen, die aus dem Gewirr der Oberflächen auftauchen und dann wieder verschwinden wie Vorstellungen aus der Tiefe des Unbewussten. All diese Schichten werden abschließend mit einer Schicht Bootslack oder Kunstharzlack versiegelt, die die Farben wie bei einem Hochglanzmagazin zum Leuchten bringen. Der Barcode im Bild rechts unten, Ausdruck billiger Massenware, ersetzt die Signatur des Künstlers.
Es bedarf einiger Zeit der Konzentration, um zu einer halbwegs stabilen Ordnung der Bildzusammenhänge zu gelangen. So erkennt man erst nach einiger Zeit im linken Teil die großzügige Zeichnung eines Lastwagens wieder, den Rein in Havanna aufgenommen hatte. Man kann ihn sich gut zu der bereits konstruierten Geschichte von der ermordeten Frau hinzureimen. Aus einem völlig anderen Kontext jedoch scheint der mit Kohle geschriebene Text zu stammen, der sich horizontal über das Bild zieht:
IN 1964 WE FROZE, ask anybody, we froze as if we were in an/Icebox, from morning to evening./WE FROZE, FROZE, FROZE all the time/AT NIGHT WHEN WE WERE
SLEEPING. Auch hier spielt die Strategie der Wiederholung eine wichtige Rolle. Sie verleiht dem Text etwas Eindringliches, ohne damit jedoch zu einer Klärung des rätselhaften Sachverhalts zu führen. Wir begreifen nur, dass im Jahr 1964 einigen Personen ziemlich kalt gewesen sein muss.
Bei diesen Textzeilen handelt es sich um Ausschnitte einer Erklärung, die im Museum des ehemaligen Gefängnisses auf Robben Island ausgehängt ist. An diesem Ort waren zahlreiche politische Gefangene der Anti-Apartheid-Bewegung untergebracht, so z.B. Nelson Mandela (*1918). Rein hatte den Text bei einem Besuch der nationalen Gedenkstätte abfotografiert. Ein Inhaftierter verdeutlicht dort die Härte der Haftbedingung: So war das Mauerwerk der Zellen derart feucht, dass deren Insassen die Räume regelrecht "trocken wohnten". Dass eine solche Unterbringung nicht nur besonders unangenehm, sondern über einen längeren Zeitraum auch gesundheitsschädlich ist, liegt auf der Hand. Der Text erzählt also vom Erleiden körperlicher Gewalt im politischen Kontext. Der Aspekt körperlicher Gewalteinwirkung wiederum verbindet den Bericht, so absurd dies zunächst auch sein mag, mit dem roten Mund und den Schuhen, sofern wir hier bei der Annahme eines Gewaltverbrechens bleiben. Die Kälte des Gefängnisverlieses wird zum Ausdruck von Gefühlskälte und verweist auf eine "kalte", mithin grausame Welt, wie sie auch Falco in seinem ironischen Refrain -
Such a lonely little girl in a cold, cold world - als Metapher verwendet. Die Zusammenschau der eigentlich nicht zusammengehörigen, moralisch stark aufgeladenen Kontexte entspricht dabei auch der verkaufsfördernden Strategie eines Nachrichtenmagazins, das den Sensationshunger seiner Konsumenten bedienen will.
Versteht man Krieg als die prototypische Form körperlicher Gewalt, so wird der Titel "KIM LOST-WAR" zum Ausdruck für eine Person, die innerhalb der sie umgebenden Gesellschaft um ihr Überleben kämpft und dabei scheitert. Dies ist ein Leitmotiv in Reins WAR-Bildern, die von Menschen erzählen, die physisch und psychisch Unterdrückung erleiden, sei es durch die Gedankenkontrolle eines totalitären kommunistischen Regimes oder durch kapitalistische Konsumzwänge und entmündigende Informationsüberflutung. Da ist das nachdenklich blickende kubanische Mädchen in "WAR-BUS" (2006), das zu Fidel Castros Rede auf dem Platz der Revolution herbeigeschafft wurde und deren fröhliche Nationalfahne am unteren Teil des Bildes im Schmutz liegt, oder der Mann in "SEPERATE-WAR" (2006), der wie ein skurriler Weihnachtsmann aussieht, jedoch am Rande der Existenz lebt und vom infernalischen Schwarz-Rot des Bildes fast verschluckt wird.
Unter den glatt versiegelten Oberflächen von Reins Bildern scheint ein albtraumhafter Abgrund auf, der mit dem Schmerz, der Verlorenheit und dem Irrsinn menschlicher Existenz angefüllt ist. Man begegnet diesem Abgrund auch in den Berichterstattungen der Nachrichtenmagazine. Während man jedoch am Fernseher der abstumpfenden Reiz- und Informationsüberflutung weitgehend ausgeliefert ist, kann es vor der Betrachtung von Reins Bildern zu einer Reflektion der Strategien und der eigentlichen Inhalte des Gezeigten kommen, vielleicht auch zum Wunsch nach Wiedererlangung echter Humanität und persönlichen Mitgefühls.
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